Den Bildern von Núria Quevedo entkommt man nicht. Die Augenblicke mit und aus ihnen brennen sich tief ins Gedächtnis ein. Sie strahlen Ruhe aus und wühlen zugleich bis ins Innerste auf. Magie der Sanftmut und Menschlichkeit – Quevedos Œuvre ist veritables Zeugnis einer nicht nur dialektisch, sondern präzise und komplex denkenden, zeichnend und malend sich mitteilenden Künstlerin, die kompromisslos ihren Weg beschreitet.
Die erste Begegnung mit ihrem Werk reicht zurück in Kindertage: eine bodenlose Schlacht der miteinander ringenden und Schwerter schwingenden Männer, ja, auch Frauen auf dem Buchumschlag von Franz Fühmanns Prometheus. Die Titanenschlacht (1974). Siebzehn Seiten weiter das nächste Bild: Der sanfte und zugleich herausfordernde Blick einer Frau, Haar und Körper verwoben mit der Erde, deren Landschaft aus amorphen Formen erst im Entstehen ist – Gaia, Große Mutter, Schöpferin, Urgöttin.
Zwischen diesen siebzehn Seiten, rückwärts geblättert zwischen Schöpfung und ihrer Gefährdung spannt sich der ganze Bogen menschlichen Verlangens und Agierens zwischen Liebe und Kampf – verlegt in eine Götterwelt.
Von der großen Bedeutung, die Literatur für Núria Quevedo hat, zeugen die zahlreichen illustrierten Bücher und Grafikmappen. In ihrem 2008 entstandenen Künstlerbuch Mit leichtem Gepäck erinnert sie in Text und Bild auf eine sehr persönliche Weise an die Schicksale von Walter Benjamin (1892–1940) und Antonio Machado (1875–1939), die auf der Flucht über die Pyrenäen ihr Leben lassen mussten.
Núria Quevedo, gebürtige Katalanin, kam mit ihrer vom Franco-Regime verfolgten Familie 14-jährig in ein ihr fremdes Berlin und studierte später Grafik. 1968 begann sie, zeichnerische Entwürfe auf der Leinwand umzusetzen. Viele erinnern sich an Dreißig Jahre Exil (1971), jenes eindringliche Gruppenbild spanischer Emigranten, das 1972/73 auf der VII. Kunstausstellung der DDR in Dresden Aufsehen erregte.
Das zwischen 1973 und 1976 entstandene Gemälde Pietá gab die Künstlerin nicht zur VIII. Kunstausstellung (1977/78), um Bezüge bewusst offen zu halten. Der nackte, tote Sohn liegt im Schoß der Mutter, die seine kalte Hand fest an ihr Herz drückt. Abweichend von traditionellen Darstellungen der Marienklage richtet sie den tränenlosen Blick nicht auf das Kind, sondern schaut, ebenso wie der hinter ihr stehende Mann, uns frontal in die Augen. Die Trauer, der Schmerz, aber auch ein leises Aufglimmen in den tiefen, dunklen Augen des Paars und in den Gesten ihrer Hände werden beim Betrachten intensiv spürbar. Auch der Tote würde uns anschauen, könnte er die Augen öffnen.
Am oberen Bildrand im weiten Himmel einer Hochgebirgslandschaft ist die poetische Vision einer Auferstehung lesbar. Quevedo zitiert dort Miguel Hernández – Dichter der Spanischen Republik, 1942 in einem spanischen Gefängnis gestorben – aus seinem Gedicht El Herido (Der Verwundete): „Porque soy como el árbol talado, que retoño: porque aún tengo la vida.“ (Denn ich bin wie der gestürzte Baum, der von neuem treibt: weil in mir noch das Leben ist.)
Der Tote, gebettet auf einem roten Tuch, und das trauernde Paar in Alltagskleidung der Menschen südlicher Länder, sind keiner Zeit und keinem Ort eindeutig zuzurechnen. Bewusst holt Quevedo dieses uralte christliche Motiv in die jeweilige Gegenwart – Klage und Aufbegehren behalten ihre Gültigkeit und Notwendigkeit, egal, ob sie den Opfern von Francos Mordregime in Spanien, denen der Gewaltherrschaft der Junta in Chile oder denen aller auch im 21. Jahrhundert weltweit wütenden Kriege gedenken.
Zur Pietá entstanden verschiedene Vorstudien und Varianten. Bereits in einem frühen Linolschnitt (Blatt 7 zu B. Traven. Die Brücke im Dschungel, 1965) begegnen wir einer um den toten Jungen klagenden Mutter. In ihrem kräftigen Duktus ist die Grafik auch formal eine Referenz an traditionelle Kulturen Mittelamerikas.
Bei einem Holzschnitt aus dem Jahr 1973 und einer Lithografie für eine Grafikmappe zu Pablo Nerudas Der große Gesang (Blatt 4, 1975) sind Figuren und Hintergrund nur schemenhaft angelegt, was die allgültige Dimension von Opfer und Trauer verstärkt. Einen Abzug der Lithografie hat Quevedo handschriftlich mit einem Zitat aus Pablo Nerudas Gedicht Beleidigtes Land versehen: „Nichts / nicht einmal der Sieg / wird die schreckliche Leere des Bluts füllen“ …
… „Nichts, nicht das Meer, noch die Schritte / Des Sandes und der Zeit / Noch die Geranie brennend / Über dem Grab“, setzt sich jenes Gedicht fort. Zwischen dem Aufbegehren in Hernández’ Worten und der bitteren Trauer Nerudas ebenso wie in Quevedos Varianten zur Pietá entfaltet sich die ganze Dramatik von Zwist, Krieg, Tod – und neuem Leben.
Vor dem Hintergrund der Einsicht in die unberechenbare wie unabdingbare Endlichkeit individuellen Lebens formuliert die Künstlerin ihr tiefes Unverständnis gegenüber jeder inhumanen, menschengemachten Gewalt.
Zwischen 2006 und 2018 arbeitete Núria Quevedo an einem Gemälde mit dem Titel Mutter und Kind. Eine junge Frau steht im ruhigen Wasser einer sonnigen Bucht. Auf Augenhöhe schaut sie uns an. Sie trägt ihr kleines Kind schützend auf dem Arm und im Blick eine uralte Geschichte. Es ist ein friedliches Bild und auf magische Weise erinnern die Gesichtszüge der Mutter an jene der Trauernden auf der Pietá …
In zeichnerischen Vorstudien (1968) und Studien (1975–1978) Zum Thema „Erkenntnis“ ergründete Quevedo anhand der Sprache handelnder Körper das menschliche Ringen um Nähe und Liebe, aber auch um Macht. Werden wir der sich in zärtlicher Umarmung vereinigenden Paare oder der gegenteiligen Gesten von Gewalt und Unterdrückung, der erhobenen Fäuste des Unmutes, des Protests oder des Sieges gewahr – immer auch ist die „stärkste Nicht-Utopie“ (Ernst Bloch) in der Gestalt, mitunter auch Frauengestalt, des Todes zugegen.
„Erkenntnis“ schließt den Aspekt synthetisch-analytischen ‚Schlussfolgerns’ ebenso ein wie eine spirituell konnotierte ‚Einsicht’ in den ‚Lauf der Dinge’. Die Arbeit am Bild und mit dem Bild werden bei Quevedo zu einer essenziellen Kategorie eines Erkenntnisprozesses, um für sie selbst wie für die Betrachtenden im Zuge einer tiefgründigen Erfahrung durch Anschauung und Rückbindung an eigene Erfahrung Verstehen zu ermöglichen.
In den 1980er-Jahren führte Quevedo die Auseinandersetzung mit „Erkenntnis“ in einer veränderten Bildsprache fort. Die großformatigen Kohlezeichnungen (1980er- und 1990er-Jahre) ebenso wie die Radierungen für die Mappe zu Christa Wolfs Kassandra (1983) sind längst keine „Studien“ mehr, sondern mit selbstbewusstem, kräftigem Strich analysiert Quevedo das Vokabular menschlicher Gesten und lotet Nuancen zwischen Lust, Schmerz, Liebe, Verzweiflung, Nähe, Konflikt, Tod und Geburt aus. Klar konturierte Körper sind auf ihre elementaren Formen, Bewegungen und Haltungen reduziert. Hände halten einander, Fäuste ballen sich, zwischen Zärtlichkeit und Gewalt scheint nur ein Wort oder ein Schweigen zu liegen. Immer näher rückte Quevedo und mit ihr die ins Vertrauen gezogenen Betrachtenden dabei ihren Figuren, immer mehr radikalisierte sie ihre Bildkompositionen und Darstellungsformen, kulminierend in den vielfältigen Serien Kopf-Hand.
Gestalterische Konsequenz und poetische Ausdruckskraft zeichnen das Werk von Núria Quevedo aus. In ihren grafischen und malerischen Erzählungen, bei denen jedes Einzelbild seine eigene Geschichte besitzt, wird das Unsagbare zum Mitteilbaren.
In einem Text von 1986 findet man Quevedos Anspruch an Kunst, der – wie ihr gesamtes Werk – auch 2023 aktueller nicht sein könnte: „Die Frage nach den Möglichkeiten von Kunst in unserer Zeit stellt sich mir augenblicklich besonders hart. Ich sehe gegenwärtig nur die Begrenztheit einer Einwirkung auf Entwicklungen, die uns alle beunruhigen, bedrängen, ängstigen. Angesichts einer vom Verstand kaum noch fassbaren Bedrohung des Lebens, beginnt man an der ‚sanften Gewalt der Vernunft’, um Brecht zu zitieren – zu zweifeln. Was vermag sie gegen die brutale Gewalt der Unvernunft? Alles Bisherige ist in Frage gestellt. Wenn wir in einer solchen Situation wirksam werden sollen, kann es sicher nicht mehr darum gehen, einfach gute Kunst zu machen, die vorrangig ein bestimmtes, meist besonders vorgebildetes Publikum erreicht.“[1]
Das Lied Todo Cambia der argentinischen Sängerin Mercedes Sosa kommt einen in den Sinn. Stolz und Kraft, Würde und Energie finde ich in diesen Liedern gleichermaßen wie in Quevedos Bildern.
Das Gemälde Dreißig Jahre Exil ging 1973 in den Besitz der Städtischen Kunstsammlung Karl-Marx-Stadt, heute Kunstsammlungen Chemnitz. Fünfzig Jahre später wird der Malerin der Kunstpreis zu Ehren von Karl Schmidt-Rottluff in Chemnitz verliehen – hochverdient. Die Emigranten gingen in ein Land, das es nicht mehr gibt. Das Bild ist Kunstdepot einer Stadt, die längst einen neuen alten Namen trägt. Die Systeme, die Menschen, ihr Leben und Miteinanderleben haben sich gewandelt. Todo Cambia – alles ändert sich …
¿Cambia todo? Das Bild erzählt von Erinnerung, Exil, Flucht, Ankunft und von der Sehnsucht nach Heimat und Frieden. Es ist unverändert aktuell.
¿Cambia todo? Núria Quevedos Bilder sind wie Felsen in der Brandung des tosenden Lebens und sie sind gemalt, „um zu verstehen und um leben zu lernen“[2].
Mit Núria Quevedo ist eine weitere Künstlerin der Generation von uns gegangen, welche die Konflikte des 20. Jahrhunderts im eigenen Leben und Werk schmerzhaft erfahren, aber auch ehrlich und tapfer verarbeitet hat. Sie gehört zu den integersten und tiefsten Menschen und Künstlerinnen, die wir kennenlernen durften.
Núria Quevedo wird uns fehlen. Ihre Bilder und ihre Menschlichkeit werden bleiben.
Anke Paula Böttcher und Matthias Zwarg
[1] Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Hg.): Nuria Quevedo. Malerei. Zeichnungen. Aquarelle. Grafik, Ausst. Kat. Staatliche Kunstsammlungen Dresden Gemäldegalerie Neue Meister – Albertinum, Kunsthalle Rostock, Dresden 1986, S. 82.
[2] Núria Quevedo in einer E-Mail, 11.06.2022.



Carlfriedrich Claus, Eulenspiegel-Reflex, 1964/1965, Feder, Tusche, zweiseitig auf Transparentpapier, 29,8 x 21 cm, Z 379, Kunstsammlungen Chemnitz, Stiftung Carlfriedrich Claus-Archiv © VG Bild-Kunst Bonn 2025, Fotomontage: Martin Hoffmann
Carlfriedrich Claus, ohne Titel, 1979, Feder, Tusche, zweiseitig auf Transparentpapier, Z 645, Christa-und-Gerhard-Wolf-Kunststiftung am Stadtmuseum Berlin © VG Bild-Kunst Bonn 2025, Fotomontage: Martin Hoffmann


